Mister und Miss -Verständnis

Nun ist es passiert. Nachdem die Bayern beim neuen europäischen Finanzkrösus trotz spielerischer Augenhöhe verloren haben, sahen sich die Verantwortlichen dazu genötigt, Konsequenzen zu ziehen und den Übungsleiter Ancelotti freizustellen. Um zu verstehen, warum dieser Schritt nicht mehr als Augenwischerei und bloßer Aktionismus ist, muss man den Blick jedoch ein wenig weiten. Die Ursache liegt, wie könnte es anders sein, im Danaergeschenk des 2013er Triples.

Die Legende zum historischen Dreifachgewinn geht folgendermaßen: Als der detailversessene, akribische und autoritäre Louis van Gaal auf der Bildfläche des FC Bayern erschien, formte er aus einer Ansammlung von Einzelkönnern eine Mannschaft, die sich spieltaktisch vor niemandem in Europa mehr zu verstecken brauchte. Sein Makel war jedoch einer, den er mit vielen autoritären Vätern teilt: die stoische Ignoranz im Hinblick auf das Erwachsenwerden der Zöglinge. Die Mannschaft war gereift, sie war in fussballerischer Hinsicht klüger geworden und selbstständiger. Van Gaal weigerte sich jedoch, den schrumpfenden Augenhöhenabstand anzuerkennen und gängelte sie weiterhin wie ahnungslose Amateure. Die zwischenmenschlichen Spannungen nahmen zwangsläufig zu, bis das Fass überlief und er geschasst wurde. Als Nachfolger wurde der ironischerweise gerne als „väterlich“ betitelte Jupp Heynckes installiert, der dem Team jene Autonomie gewährte, die ihrer Reife angemessen erschien. Dieses Mehr an Eigenverantwortung war es, dass in der Mannschaft die notwendige Energie freisetzte, um die Saison 12/13 mit dem famosen Triple zu krönen.

Die Bayernbosse wähnten sich, zum damaligen Zeitpunkt nicht gänzlich unbegründet, fortan im Glauben, einen strukturellen Geheimcode entziffert zu haben. Erst der Schleifer, der das Team formt, dann der Gönner, der es mitsamt dem Gelernten gewähren lässt. So folgte auf den manischen Kontrollfreak Guardiola auch der undogmatische Spielerversteher Ancelotti.

Dass dieses Konzept nun aber nicht erneut aufging, liegt an der Verklärung bzw. der analytischen Unvollständigkeit der Ursachen, die zum 2013er Triumph geführt haben. Er war zu einem weitaus geringeren Anteil eine Frage des Coachings oder des Systems, als vielmehr ein Sieg des schieren Willens. Wer den Aussagen einzelner Spieler nach dem 25. Mai 2013 aufmerksam zuhörte, dem eröffnete sich das Bild eines gedemütigten, traumatisierten und auf „Rache“ gesinnten Kollektivs. Exakt ein Jahr zuvor hatte man das ultimative Spiel, das „Finale dahoam“, aufs schmerzlichste verloren. In allen Belangen war man Chelsea damals überlegen gewesen und stand am Ende doch mit leeren Händen da. Das ganze Ausmaß der Enttäuschung und Leere wandelte sich jedoch innerhalb einer Nacht in unerbittlichen Trotz. Namentlich war es Müller, der am darauffolgenden Tag all seinen Mannschaftskameraden eine Nachricht zukommen ließ mit dem unmissverständlichen Appell, eine solche Schmach nicht noch einmal erleben zu wollen.

Die glückliche Fügung und das eigentliche Verdienst Heynckes‘ war es, dieser Jetzt-erst-Recht-Stimmung kein eigenes ambitioniertes Spielsystem entgegenzustellen, welches sie hätte unterminieren können. Wer es ketzerisch mag: Mit diesem Team in dieser psychologischen Verfassung hätten vermutlich auch Erich Ribbeck oder Til Schweiger das Triple geholt. Eigentlich jeder, der nicht darauf aus oder imstande gewesen wäre, die Mannschaft in irgendeiner Form zu domestizieren. Taktisch-systemische Aspekte waren für die 2013er Bayern derart sekundär, dass man sie selbst mit antiquiertem Libero hätte aufs Feld schicken können (eine Rolle, die Schweinsteiger damals tatsächlich phasenweise angenommen hat).

Dass die Person Heynckes und der damit verbundene Trainer-Archetyp retrospektiv derart heroisiert wird, hat dann auch mehr mit Uli Hoeneß‘ schlechtem Gewissen, als mit Heynckes‘ handwerklichem Verdienst zu tun. Der bekanntlich „größte Fehler seines (Manager-)Lebens“, die Entlassung Heynckes‘ 1991 konnte durch die offensiv forcierte Vaterschaftszuschreibung des Triples zwar nicht ungeschehen, doch aber abgemildert werden.

Dass Carlo Ancelottis Wirken beim FC Bayern von den Verantwortlichen nun als Misserfolg gewertet wird, hat sicherlich mehrere berechtigte Ursachen. Unzureichende Kommunikation, der erhoffte aber nicht aufgekommene „gute Draht“ zu kapriziösen Stars, mangelnde Entwicklung des teuer geholten Nachwuchses bei einer schnurstracks auf Überalterung zusteuernden Mannschaft. Das eigentliche Versagen liegt jedoch beim Vorstand, in der Vorstellung, man müsse nach Guardiola einfach einen Typ Heynckes engagieren, dann käme das erneute Triple – oder zumindest der Champions League Titel – wie von selbst. Was man utopischerweise engagieren müsste, wäre ein einschneidendes und ans Ehrgefühl appellierendes Ereignis, das alle zusammenschweißt – ob ein Null zu Drei gegen Paris dazu ausreicht, darf guten Gewissens bezweifelt werden.

Wenn die Fans des FC Bayern Pech haben, und darauf deutet im Moment einiges hin, bleibt der Vorstand seinem irrgeleiteten Konzept treu und wird sich nach dem vermeintlichen Kumpeltyp Ancelotti einen vermeintlichen Schleifer à la Tuchel holen. Zu seinem eigenen Glück wird sein Scheitern weitaus weniger tragisch, weil ja vorprogrammiert – fürs Triple wird erst der väterliche Nachfolger zuständig sein.

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